Eine Oberstufenzeit ohne Oberwasser und das "Liebe" Studentenleben


Mann, bist du hochsensibel – Teil 3: Oberstufe, Studentenleben und meine hochsensible Männlichkeit

Zum Zug kommen würde ich dann aber in der Oberstufe – das war jedenfalls mein Plan.
Nicht mehr weit vom Eintritt ins Erwachsenenalter entfernt, würden die jungen Damen
meine authentische, natürliche Art nun endlich zu schätzen wissen, weil sie mittlerweile
realisiert haben, was wirkliche Charakterstärke ausmacht.

Zu diesem Zeitpunkt ahnte ich noch nicht, dass die einzige Frau, die mir in der Oberstufe
schlaflose Nächte bereiten würde, meine Chemielehrerin sein sollte, und dass die Sechs,
die mir von ihr im Zeugnis drohte, das einzige sein würde, was ich in der Oberstufenzeit
mit Sex zu tun haben sollte.

Vielleicht hätte ich mich trauen sollen, die Austauschschülerin um ein Date zu bitten –
dann hätte ich sie gleich mal fragen können, wie sie es geschafft hat, in Chemie 1 Punkt
mehr zu bekommen als ich, obwohl sie gar kein Deutsch konnte. Wobei, wenn ich mich
richtig erinnere, dann hat sie sich zumindest einmal gemeldet.

Wie auch immer, schließlich wurde ich trotz der Tatsache, dass meine Chemielehrerin
und ich ganz offensichtlich nicht die selbe Sprache sprachen, in die 12. Klasse versetzt.
Ich wollte eigentlich gar kein Abitur machen. Aber ich wollte nunmal Journalist werden.
Und ohne Abitur kein Studium. Ohne Studium kein Volontariat.

Vielleicht mit ein Grund, warum mir die Liebe auch in den kommenden beiden Jahren
verwehrt blieb: Meine Mitschülerinnen haben wohl gespürt, dass sich meine Euphorie
für Mottotage, Abiausschüsse und Vorabifeten in Grenzen hielt und ich die Schulhofzeit
auf eine gewisse Weise schon hinter mir gelassen hatte.

Wie ich jedoch zu der Annahme kam, dass mich dann ausgerechnet an der Universität,
eine Einrichtung, an der, und das ist nicht abwertend gemeint, mehrheitlich Menschen
anzutreffen sind, die sich das Drum und Dran der Oberstufenschulzeit erhalten wollen,
das "wahre" Leben empfangen würde, erscheint mir heute rätselhaft.

Und so machte ich dann als 19-jähriger Erstsemesterstudent in der Vorstellungsrunde
des Englisch-Seminares kein Geheimnis aus meiner Vorliebe für eine irische Boyband,
nichtsahnend, dass dies bei den anwesenden Komilitoninnen nicht gerade als Zeichen
heterosexueller Männlichkeit aufgefasst wird.

Dies wurde mir erst einige Tage später bewusst, als ich mich mit einer Bekannten aus

dem höheren Semester über Musik unterhielt und sie plötzlich sagte: "Ach, du bist das."
Gestern hätte ihr eine Freundin erzählt, bei einer ihrer Bekannten sei ein Mann im Kurs,
der gerne Boyband-Balladen hört.

Allmählich wurde mir klar, dass die 14-jährigen Mädels, die ich früher auf dem Schulhof
beim Knutschen mit anderen Jungs beobachten "durfte", nun 20-jährige Mädels waren,
die für Schulhofjungs in groß schwärmten, während ich darüber sinnierte, warum sich

Menschen jenseits der 20 noch als "Mädels" und "Jungs" bezeichneten.

Und so langsam reifte die Erkenntnis, dass es nicht einfach nur eine Frage der Zeit war,
bis meine Zeit kommt. Dass die Universität mit Vorlesungen, Seminaren, Lerngruppen,
Sport- und Freizeitangeboten, Uni- und WG-Partys die beste Singlebörse der Welt war –
nur ich wohl kein Premium-Mitglied.

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