Das Fremdkörpergefühl war mir weder geistig noch körperlich fremd


Ich bin hochsensibel – Teil 2: Hochsensibilität in der Schulzeit und im Studentenleben

Gefühlt machte sich auch meine Hochsensibilität bemerkbar. Schon als Kind besaß ich

ein ausgesprägtes "Fremdkörpergefühl": Kleidungsstücke aus ganz bestimmten Stoffen mochte ich nicht auf meiner Haut und das Shampoo durfte nicht in meine Ohren laufen. Nicht zu vergessen quietschende Tafeln und laute Sirenen.

 

Mit Beginn meiner Pubertät wurde bei mir eine Kurzsichtigkeit festgestellt. Brillen waren damals im Gegensatz zu heute nicht besonders angesagt, und so fing ich relativ früh an, Kontaktlinsen zu tragen. Kam ich von unterwegs zurück, so führte mich mein erster Weg aber immer vor den Spiegel, um den "Fremdkörper" zu entfernen.

 

Eine feste Zahnspange zu tragen, kam für mich also nicht in Frage. Zumal ich mir vorher zwei gesunde Zähne hätte ziehen lassen müssen, um Platz zu schaffen. Eine Vorstellung, die mir bis heute völlig widerstrebt: Etwas Eigenes raus und dafür ein Fremdkörper rein. Aber mal ehrlich: Ein schräger Typ muss keine ganz geraden Zähne haben.

 

Fremdkörper ist auch das richtige Wort für das Gefühl, das ich dann später bei meinem ersten Diskothekbesuch hatte. Ich war fehl am Platze. Es war einfach nicht meine Welt. Und ich fragte mich: "Wieso feiern Menschen scheinbar ohne trifftigen Grund wie es zum Beispiel eine bestandene Abschlussprüfung wäre?"

 

Sich auf einer Party ins Getümmel stürzen und einfach Spaß zu haben – das war etwas, was ich nicht konnte. Es war mir da ohnehin zu voll. Zu laut. Zu viele Sinnenseindrücke. Zu viele Reize, die ich nicht verarbeiten konnte. Das war schon den bei Vorabifeten so. Und wurde an der Uni nicht wirklich besser.

 

Meine Studentenzeit würde ich als die bisher schwierigste Zeit meines Lebens einstufen. Ich war umgeben von Menschen, die sich, so jedenfalls mein Eindruck, das Drumherum der Schulhofzeit verlängern wollten und lieber dem oberflächlichen Smalltalk fröhnten, als sich über die wichtigen Fragen des Lebens auszutauschen.

 

Für mich waren das Fragen wie: "Wenn es mehrere Milliarden Menschen gibt, heißt das, dass es mein "Ich" quasi milliardenfach gibt? Existiert eine Art "kollektives Bewusstsein", oder wie kann es sein, dass die Menschheit zwar nur aus Einzelnen besteht, die Existenz des Einzelnen jedoch für den Fortbestand der Menschheit irrelevant ist?"

 

Stattdessen erwarteten mich dann in der Orientierungswoche kreative Kennenlernspiele wie "Obst von Mund zu Mund reichen", "Wer kriegt mehr Leute in die Telefonzelle rein?" oder "Auf allen Vieren als Schaf durch die Marburger Oberstadt krabbeln". Tut mir leid, aber da finde ich jeden 16-jährigen, der eine Ausbildung macht, erwachsener.

 

Doch ist die Schul- und Unizeit nicht genau dafür da, sich eben noch nicht mit dem Ernst des Lebens auseinanderzusetzen? Möglichst unbeschwert zu sein und nicht immer alles zu zerdenken? Ist es wirklich nötig, nach dem tieferen Sinn des "Vorglühens" zu suchen? Es gibt nämlich keinen. Und genau das ist wohl das Geheimnis.

 

Anders konnte ich mir jedenfalls nicht erklären, wieso Menschen gezielt Alkohol trinken, um im Anschluss bis in die frühen Morgenstunden an einem Ort zu verweilen, von dem sie sagten, nüchtern würden sie es dort nicht aushalten. "Nüchtern" betrachtet wäre es doch dann naheliegender, erst gar nicht hinzugehen.

 

Teil 3: Hochsensibilität und Liebe eine schwierige Beziehung

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