Meine Zukunft – ein im wahrsten Sinne des Wortes hochsensibles Thema


Ich bin hochsensibel – Teil 6: Hochsensibilität, Gleichgesinnte und der Wunsch nach dem Hochgefühl

Aber auch ein Adoptivkind kann geliebt werden und sich geliebt fühlen. Und wenn ich als Hochsensibler anderen Menschen die Schuld dafür gebe, dass ich es schwerer habe, "in der Welt" zurechtzukommen dann ist das nicht nur unangebracht, sondern zudem wenig zielführend. Ich bin für mein Glück selbst verantwortlich.

 

Andere Menschen können nichts dafür, dass ich im Wartezimmer einer Arztpraxis nicht nur mit meinen eigenen Gesundheitsängsten konfrontiert bin, sondern auch die Ängste der anderen Patienten spüre. Und dass ich mich an der Supermarktkasse gehetzt fühle, wenn mehr als zwei Personen hinter mir stehen.

 

Es ist mein Problem, wenn ich keinen Tanzkurs machen will, aber mich dann beschwere, dass andere Männer leichter Frauen kennenlernen. Wenn ich nicht in großen Agenturen arbeiten mag, aber dann zähneknirschend vor dem TV sitze und mich darüber aufrege, wie ideenlos die meisten deutschen TV-Spots sind.

 

Ich habe die Erwartungshaltung, dass nicht-hochsensible Menschen mehr Verständnis für meine Hochsensibilität und mein daraus resultierendes Verhalten aufbringen sollen. Aber ganz ehrlich? Wäre ich nicht selber hochsensibel, würde ich auch nicht einsehen, warum ich Kompromisse eingehen soll.

 

Ich war und bin neidisch. Neidisch darauf, dass es offensichtlich eine nicht geringe Zahl an Menschen um mich herum gibt, deren Kopf nicht permanent damit beschäftigt ist, Reize zu filtern, oder dies größtenteils im Hintergrund erledigt. "Das Leben genießen" ohne immer alles zu hinterfragen. Das will ich auch können.

 

Denn ich nehme zwar intensiver wahr. Aber lebe ich auch intensiver? Oder verpasse ich nicht etwas in meinem Leben, weil ich als hochsensibler Mensch einfach weniger wage? Wer sich seltener verliebt, kann auch seltener enttäuscht werden. Aber dafür wechselt die Farbe meines Brillengestells auch seltener von schwarz zu rosarot.

 

Ich habe mich kürzlich gefragt: Würde ich mich dafür entscheiden, hochsensibel zu sein, wenn es in meiner Macht läge? Und auch, wenn das jetzt überraschend kommen sollte: Meine Antwort ist: Ja. Es ist ein anstrengendes Leben. Aber es ist ein besonderes Leben. Vielleicht sogar das gewisse "Mehr".

 

Was mich allerdings sehr ärgert ist, wenn ich lese, dass geschätzte 20 % der Menschen hochsensibel sind. Ich persönlich halte diese Angabe für maßlos übertrieben. Und nein: Ich bilde mir nichts auf meine Hochsensibilität ein. Und ja: Ich fände es schön, wenn es wirklich so wäre, dass ein Fünftel der Menschen so ticken wie ich.

 

Allein: Meine persönliche Erfahrung sagt mit etwas anderes. Und wenn Hochsensibilität nun zu einer Trenderscheinung mutiert, dann mag das vielleicht für die wachsende Zahl sogenannter Coaches, deren Stundensätze teilweise in Bereichen liegen, bei denen mir hochschwindelig wird, interessant sein – für mich nicht.

 

Denn wenn Hochsensibilität zu einer Art Sammelbegriff für sämtliche Ängste, Phobien, Lebens- und Sinnkrisen wird, dann erschwert mir das die Suche nach Gleichgesinnten. Nach Menschen, die so ticken wie ich. Und die brauche ich. Um meinen Platz im Leben zu finden. Um anzukommen. Ich denke, das ist ein hochnormaler Wunsch.

 

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